Wer sind die Deutschen in Rumänien?

Seit der Wahl des ehemaligen Landesvorsitzenden der deutschen Minderheit in Rumänien, Klaus Werner Johannis, zum rumänischen Staatspräsidenten im November 2014 ist die deutsche Minderheit in Rumänien in den deutschen Medien plötzlich sehr präsent. Terminologie und Bezeichnung aber variieren in den Pressemeldungen oft bunt: Von „Rumäniendeutschen“, „Siebenbürger Deutschen“ bis zu „Siebenbürger Sachsen“ reicht das Spektrum der Bezeichnungen der Gruppe, über die man derzeit oft schreibt und spricht.

Zwei Fragen stellen sich dabei zwangsläufig: Sind die Deutschen Rumäniens überhaupt eine Gruppe, oder sind es nicht eher mehrere? Und wie heißen sie wirklich?

Die deutsche Minderheit in Rumänien umfasst laut Völkerzählung von 2011 zirka 37.000 Angehörige, wobei die wirkliche Zahl im Kontext der in Rumänien nicht umstrittenen Zählung wohl bei etwa 45.000 liegen dürfte. Die Minderheit ist zwar heute eine im „Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien“ (DFDR) organisierte Einheit, aber eine sehr heterogene. Sie besteht aus zahlreichen Subgruppen, die zu sehr unterschiedlichen Zeiten und mit stark variierendem historischen Hintergrund, von der Anwerbung mittels gewährter Steuervorteile über (Beamten-)Versetzung bis hin zur Vertreibung aufgrund konfessioneller Zugehörigkeit, in das Gebiet des heutigen Rumäniens kamen. Der Großteil der Deutschen wanderte zu einer Zeit ein, in der die heute von der Minderheit besiedelten Gebiete zu Österreich oder Ungarn gehöhrten. Nur ein geringer Teil siedelte sich in damals bereits zu  Rumänien gehörenden Gebieten an.

Als erste Siedler kamen vor über 850 Jahren die „Siebenbürger Sachsen“ in das damalige ungarische Siebenbürgen, das besonders seit Draculas erscheinen auf den Leinwänden auch als „Transsilvanien“ bekannt ist. Die Sachsen brachen ihren Namen dabei nicht etwa aus ihren Herkunftsgebieten mit. Sie stammen nämlich aus Lothringen, Flandern, Luxemburg, Wallonien und dem Moselgebiet und wurden erst bei ihrer Ansiedlung zu „Sachsen“, da die damals noch lateinisch administrierende Beamtenschaft sie als „Saxones“ in die Verwaltungskladden eintrug. Aus „Saxones“ wurden im Laufe der Jahrhunderte die „Siebenbürger Sachsen“, ohne mit dem heutigen Freistaat Sachsen je (auch sprachlich nicht) in Berührung gekommen zu sein. Der rumänische Präsident Klaus Johannis ist Siebenbürger Sachse. Heute Zählen die Siebenbürger Sachsen, seit der Reformation evangelischen Glaubens (des Augsburgers Bekenntnisses), zirka 11.500 Angehörige in neun Kreisen, mit Hermannstadt/ Sibiu als kulturellem Zentrum.

Westlich von Hermannstadt lebt seit dem 18. Jahrhundert in drei Orten die kleine Gruppe der sogenannten „Landler“, damals aufgrund ihrer Glaubenszugehörigkeit aus Österreich vertriebene Protestanten. Heute umfasst sie nur noch zirka 200 bis 300 Menschen, die allerdings ihre österreichisch-bairische Mundart bewahren konnten und nicht von der weit größeren Gruppe der Sachsen absorbiert wurden. Eine ebenfalls große und wichtige Gruppe bilden die „Banater Schwaben“ mit ihrem kulturellen Zentrum Temeswar/ Timişoara im äußersten Westen Rumäniens. Im Unterschied zu den Sachsen indiziert hier der Name auch weitestgehend die Herkunft, wobei viele Siedler auch aus Bayern, der Pfalz und angrenzenden Regionen stammten. Die katholischen Schwaben kamen zwischen 1718 und 1787 im Zuge der österreichischen Besiedlungspolitik in das Banat. Unter den Siedler befanden sich auch Franzosen und Italiener, die sich allerdings im Laufe der Zeit der größeren deutschsprachigen Gruppe sprachlich anschlossen. Heute umfassen die Banater Schwaben, die in den Kreisen Timiş und Arad leben, zirka 11.500 Menschen.

Eng mit den Schwaben verbunden ist die in den Kreisen Caraş-Severin und Mehedinţi östlich von Temeswar seit dem 18. und 19. Jahrhundert lebende Gruppe der sogenannten „Berglanddeutschen“ und Böhmen. Diese wurden dort durch die österreichische Verwaltung als Arbeiter in der Montanindustrie und als Wächter der österreichischen Militärgrenze angesiedelt. Heute zählen sie zirka 3.300 Menschen. Schwaben, Berglanddeutsche und Böhmen werden oft als „Schwaben aus Heide (Banater Flachland) und Hecke (Banater Bergland)“ zusammengefasst.

Anfang des 18. Jahrhunderts erfolgte im heutigen äußersten Nordwesten Rumäniens die Ansiedlung der sogenannten „Sathmarer Schwaben“ durch ungarische Großgrundbesitzer. Auch diese Gruppe stammt aus Süddeutschland und ist katholischen Glaubens. Heute leben knapp 6.000 Sathmarer Schwaben in den Kreisen Oradea, Sălaj und Satu Mare.

Im äußersten Norden Rumäniens leben heute im Kreis Maramureş zirka 1.200 sogenannte „Zipser“, die ursprünglich aus Österreich und Ostbayern stammen und über ihre „Zwischenheimat“, die heute in der Slowakei liegende „Zips“, Ende des 18. Jahrhunderts als Waldarbeiter in die waldreiche Maramuresch kamen. Im Nordosten Rumäniens siedeln seit etwa der gleichen Zeit die „Buchenlanddeutschen“, die nach der Erwerbung des Buchenlandes/ Bukowina 1775 mehrheitlich mit der österreichischen Verwaltung in die Region kamen. Heute beträgt ihre Zahl um die 700. An der rumänischen Küste leben seit dem 19. Jahrhundert die sogenannten „Dobrudschadeutschen“. Sie zogen aus dem damaligen russischen Zarenreich in die damals noch osmanische Dobrudscha zu. Im Vorfeld des zweiten Weltkriegs wurden sie mehrheitlich ins Deutsche Reich umsiedelt. Heute leben noch zirka 200 von ihnen in den Kreisen Tulcea und Konstantza. Ebenfalls seit dem 19. Jahrhundert sind die sogenannten „Regatdeutschen“ (Regat ist die Bezeichnung des nur Süd- und Ostrumänien umfassenden Königreichs Rumänien bis 1918) in den Regionen Moldau und Walachei präsent. Sie kamen aus deutschsprachigen Ländern und aus den zuvor genannten Teilgruppen zumeist beruflich bedingt nach Süd- und Ostrumänien. Heute beträgt ihre Zahl in den Kreisen Süd- und Ostrumänien zirka 2.300.

Wie man sieht, ist die deutsche Minderheit Rumäniens auch heute noch von großer kultureller und auch dialektaler Vielfalt geprägt, die Ergebnis historisch gewachsener Heterogenität ist. Der rumänische Staat hat die Minderheit allen historischen Brüchen und Widrigkeiten zum Trotz, mit wenigen Jahren Ausnahme, sehr wohlwollend begleitet. Eine staatlich verordnete Vertreibung fand nach dem Zweiten Weltkrieg nicht statt. Heute ist die Minderheit allseits anerkannter Teil der rumänischen Gesellschaft mit einem eigenen staatlichen Bildungssystem in deutscher Sprache. Sie wird seit 1990 durch die Bundesregierung umfangreich im kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Bereich unterstützt. Bemerkenswerter Ausdruck für die große Anerkennung, die die deutsche Minderheit heute in Rumänien genießt, ist die Tatsache, dass sie sowohl im rumänischen Parlament, in der Regierung als auch in zahlreichen Kommunalräten vertreten ist, und dass der Staatspräsident aus ihrer Mitte stammt. (JOSEF KARL in InternAA (1/2015)).