Schwere Zeiten für die Kunst - Solidarität mit dem Deutschen Staatstheater Temeswar
Just zu Beginn der Theaterferien und der politischen "Sommerpause" wurde bekannt, daß per Dringlichkeitsverordnung der rumänischen Regierung Obergrenzen für den Personalbestand der Kommunen festgelegt werden sollten, die sich vermutlich auch auf die in kommunaler Trägerschaft befindlichen Kulturinstitutionen erstrecken würden und diese damit in ihrer Existenz gefährden könnten. Der Konsul der Bundesrepublik Deutschland in Temeswar, Klaus Brennecke, versicherte in einem Telefonat mit dem Bürgermeister der Stadt Temeswar, Dr. Gheorghe Ciuhandu diesen seiner uneingeschränkten Solidarität mit der kulturpolitischen Verantwortung der Stadt. In einem Schreiben an den Präfekten des Kreises Timiş, Mircea Bǎcalǎ bat der Konsul den Präfekten um besonnene Vermittlung in der einsetzenden Diskussion um den Erhalt der von der Stadt Temeswar finanzierten Kulturinstitionen, insbesondere des Deutschen Staatstheaters, aber auch des Ungarischen Staatstheaters "Csiky Gergely" und der Philharmonie "Banatul". Wörtlich führte der Konsul in seinem glühenden Plädoyer unter anderem aus: " Die Stadt Temeswar, „heimliche“ oder gar nicht so heimliche Hauptstadt des Banats, ist neben vielen anderen Gründen auch wegen ihres weit über die Grenzen Rumäniens hinweg ausstrahlenden Kulturlebens von so großer Attraktivität für ihre Bevölkerung, für Gäste aus dem In- und Ausland und nicht zuletzt auch für internationale Investoren. Diese beziehen zunehmend auch „weiche Standortfaktoren“ wie eben z. B. die Lebensqualität in ihre Überlegungen ein, ob sie sich am Standort X im Land Y oder eben am Standort T im Land R engagieren möchten. " " Die drei traditionsreichen Kulturinstitutionen Philharmonie, Ungarisches Staatstheater und Deutsches Staatstheater tragen in großem Maße, durch ihre herausragende Arbeit am Heimatstandort wie auch durch vielfältige Gastspiele in Rumänien und im Ausland sowie durch den künstlerischen Austausch mit Gastdirigenten, Gastschauspielern und Gastregisseuren, mit kooperierenden Konzertagenturen und Partnerbühnen dazu bei, das Ansehen des modernen Rumänien als eines europäischen Staates mit großem kulturellen Erbe und einem schier unerschöpflichen künstlerischen Potential in der Welt zu mehren und zu festigen – wer ihnen, ob in Bukarest oder anderswo, nur regionale Bedeutung zuerkennen wollte, liegt ganz sicher völlig falsch. " " Die Theater wie auch die Philharmonie bescheren die erhabensten Momente, die zivilisierte Menschen in ihrem Leben erfahren können - Erlebnisse, die keine noch so perfekte „Unterhaltungselektronik“ ersetzen kann: die unmittelbare Erfahrung von Kunst, die vor unseren Augen in jenem konkreten Moment, den wir im Theater- oder Konzertsaal verleben, entsteht und nicht festgehalten werden kann, die unwiederbringlich vergeht und sich nur in unseren Herzen und Köpfen einnisten wird – wenn sie so gut gemacht wird wie allabendlich in Temeswar, dann können wir privilegierten Temeswarer solche großen Momente oft erleben! " " Kunst auf dem hohem Niveau, das wir in Temeswar wie selbstverständlich genießen dürfen, gibt es nicht umsonst. Sie fordert die Mitarbeit sehr vieler hochbegabter, aufopferungswilliger Menschen (deren Entlohnung ich mir im übrigen in meinen wilden Träumen an dem orientiert wünsche, was sie - für die Allgemeinheit! - leisten). Die öffentliche Hand – Kommunen, Kreise, der Gesamtstaat – trägt mit der Verantwortung für Kulturinstitutionen von Rang viel weniger eine „Last“ als einen kostbaren Schatz, den es zu bewahren gilt. Geld – auch öffentliches – das in Kulturinstitutionen fließt, ist keine „Subvention“ für etwas, was zum puren Überleben nicht nötig zu sein scheint, sondern ist immer _Investition_ in Köpfe und Herzen der Menschen und damit in die Zukunft eines Volkes, eines Landes und unserer Welt. " " Bei allem Verständnis für die Sparzwänge unserer Zeit, die ich schließlich aus der deutschen Gegenwart genauso kenne, möchte ich mir heute erlauben, als Freund und Verehrer der Kulturstadt Temeswar ein sehr persönliches Bekenntnis abzulegen – als deutscher Konsul natürlich ganz besonders zum Deutschen Staatstheater Temeswar, aber eben auch zum Ungarischen Staatstheater „Csiky Gergely“ und zur Philharmonie „Banatul“ Temeswar. Mir ist dabei natürlich bewusst, dass ich mich in eine innerrumänische Diskussion nicht einzumischen habe. " "Und doch will ich dringend dafür plädieren, die kulturellen „Leuchttürme“, die von der Stadt Temeswar treu getragen werden, nicht zu den Verlierern der geplanten Personalkürzungen werden zu lassen. Das große europäische Kulturland Rumänien wird sich, da bin ich voller Hoffnung, seines reichen künstlerischen Erbes bewusst sein und dieses stolz durch schwierige Zeiten in eine gute Zukunft führen."
Präfekt Bǎcalǎ antwortete prompt und bedankte sich für den Einsatz des Konsuls und dessen Hochschätzung der Temeswarer Kulturinstitutionen. Den Brief, so der Präfekt weiter, habe er umgehend an den rumänischen Kulturminister Hunor Kelemen weitergeleitet, der zusammen mit der Stadtverwaltung eine vertretbare Lösung zur Sicherung der Existenz der hochrangigen Institutionen finden möge.
Zum Fortgang der Diskussion hier drei chronolgisch geordnete Textbeiträge aus der (sehr empfehlenswerten!) Internetseite des DSTT
www.teatrulgerman.ro
08.07.10
Deutsches Staatstheater – vor dem Aus?
Durch die kürzlich verabschiedete Regierungsverordnung Nr. 63 / 2010 wird den Behörden der öffentlichen Verwaltung eine maximale Anzahl von öffentlich Bediensteten vorgeschrieben. Davon betroffen könnten auch die Kultureinrichtungen in der Trägerschaft der Städte und Kreise sein. Angesichts der Tatsache, dass die Stadt Temeswar vier Kultureinrichtungen in ihrer Trägerschaft finanziert – das Deutsche und das Ungarische Staatstheater, die Banatul-Philharmonie und das Städtische Kulturhaus – könnte durch diese Maßnahme auch die Tätigkeit oder sogar die Existenz des Deutschen Staatstheaters beeinträchtigt werden.
Wir laden Sie ein zu einer gemeinsamen Pressekonferenz der Direktoren der städtischen Kultureinrichtungen aus Temeswar am 9. Juli um 13 Uhr ins Foyer der Banatul-Philharmonie (Capitol-Saal).
Ihre Teilnahme betrachten wir auch als Bekundung der Solidarität mit unseren Bemühungen, alles daran zu setzen, damit diese Auswirkungen auf den gesamten Kulturbetrieb unserer Region ausbleiben.
13.07.10
*Gemeinsames Schreiben gegen drohende Schließung*
*Innenminister gegen Ausnahmeregelung für Kultureinrichtungen*
Der Bürgermeister der Stadt Temeswar, Dr. Gheorghe Ciuhandu, sowie die Direktoren der vier Kultureinrichtungen in städtischer Trägerschaft – das Deutsche und das Ungarische Staatstheater, die Banatul-Philharmonie und das Städtische Kulturhaus – haben am Dienstag, den 13. Juli, in einem gemeinsamen Schreiben gegen die drohende Schließung der genannten Kultureinrichtungen infolge der Verabschiedung der Dringlichkeitsverordnung Nr. 63/2010 Stellung genommen. Durch die genannte Verordnung wird den Städten eine maximale Anzahl von öffentliche Bediensteten vorgeschrieben.
Im gemeinsamen Schreiben wird zum einen die Verordnung dahingehend ausgelegt, dass sie sich lediglich auf die von Stadträten gegründeten Lokaleinrichtungen beziehe – was nunmal bei den vier Institutionen nicht der Fall sei – zum anderen die Bedeutung der vier Kultureinrichtungen für Temeswar und Rumänien hervorgehoben: „Die Umsetzung dieser Regierungsverordnung würde nicht lediglich die Zerstörung des städtischen Kulturbetriebes in Temeswar bedeuten, sondern zugleich die Existenz von Kultureinrichtungen gefährden, welche einen erstrangigen Platz im rumänischen Kulturleben einnehmen und einen wesentlichen Beitrag zur Förderung rumänischer Kulturprodukte auf europäischer Ebene leisten. Selbst das Vorhandensein einer derartigen Infrastruktur in einer Stadt aus Rumänien stellt den Beweis einer stark europäischen Identität dar“. Die eventuellen Auswirkungen dieser Regierungsverordnung seien nicht einmal mit jenen aus dem kommunistischen Regime vergleichbar, heißt es weiter.
Das Schreiben wurde an Staatspräsident Traian Băsescu, an die Vorsitzenden der beiden Parlamentskammern, an den Premierminister, sowie auch an den Finanzminister, den Minister für Verwaltung und Inneres, an jenen für Arbeit und an den Kulturminister gesendet.
Auf der Videokonferenz am Dienstag, den 13. Juli 2010, hat sich Vasile Blaga, Minister für Verwaltung und Inneres, gegenüber dem Temeswarer Bürgermeister Gheorghe Ciuhandu, gegen eine Ausnahmeregelung von der Umsetzung der Dringlichkeitsverordnung Nr. 63/2010 für Kultureinrichtungen ausgesprochen. Der Minister forderte die Einhaltung der vorgeschriebenen Stellenpläne, selbst um den Preis der Kündigung der Mitarbeiter aus den genannten Kultureinrichtungen.
Der Intendant des Deutschen Staatstheaters Temeswar, Lucian M. Vărşăndan, hatte bereits vergangenen Donnerstag ein Schreiben an den Präfekten des Kreises Temesch, Mircea Băcală, gerichtet, in welchem die Besorgnis über die drohenden Auswirkungen der Dringlichkeitsverordnung auf die Tätigkeit des Theaters zum Ausdruck gebracht und um die Klärung dieser Angelegenheit ersucht wird. Eine Antwort der Präfektur ist bis zu diesem Zeitpunkt beim DSTT nicht eingetroffen.
22.07.10
Personalabbau in der Stadtverwaltung betrifft nicht das DSTT
Premierminister zur Lage des DSTT im Rumänischen Fernsehen
Der rumänische Premierminister Emil Boc erklärte am Mittwochabend, den 21. Juli, in einem Live-Interview im Hauptsender TVR 1 des Rumänischen Fernsehens, dass die kürzlich verabschiedete Dringlichkeitsverordnung Nr. 63/2010, welche den Lokalverwaltungen Obergrenzen für ihren Personalbestand festlegt, nicht die Kultureinrichtungen betreffe, welche im Laufe der Zeit von Regierungsbehörden gegründet wurden, selbst wenn sich diese heute in lokaler Trägerschaft befinden.
Auf die konkrete Frage der Moderatorin Ramona Avramescu hinblicklich der in den letzten Wochen heiß diskutierten Situation u.a. des Temeswarer Deutschen Staatstheaters, antwortete Boc, dass das DSTT im Jahr 1956 durch Beschluss des damaligen Ministerrates gegründet wurde, folglich treffen für diese und weitere Einrichtungen in dieser Situation die für Lokalverwaltungen gedachten Sparmaßnahmen nicht zu. Für Sparmaßnahmen im Personalbereich dieser Kultureinrichtungen sollen jedoch in der nahen Zukunft Sondervorschriften durch das Rumänische Kulturministerium erlassen werden, so Boc weiter.